Sonntag, 15. Januar 2012

Nähfragezeichen - Kopfkleiderschrank


Meike hat diese Woche wieder mal eine spannende Frage an die Nähcommunity gestellt, die ich schon ein paar Tage mit mir herumtrage und noch vor der deadline beantworten will, was andere bereits gemacht haben

Wie siehst du eigentlich, d.h. in deinen Träumen, in deiner Vorstellung von Dir  aus? Welche Kleidungsstücke könntest du nähen, um dieser Vorstellung von Dir, wie du gerne sein möchtest, näher zu kommen? Was hält dich ggf. davon ab? 

Ich muss Meike zustimmen: eine nicht ganz einfach Frage. Ich habe zu einem Teil der Frage schonmal hier etwas geschrieben und mir den Text jetzt nochmal angeschaut und denke, er eignet sich ganz gut, das Thema persönlichen Stil nochmal zu erläutern. Meine eigenen Zitate sind in rot gekennzeichnet.

Interessanter Weise habe ich erst nach der Geburt meiner ersten Tochter begonnen, mich mit einem persönlichen Stil zu befassen. Vorher zählten den Klassiker Jeans plus Shirt zu meinen Standards. Nach der Geburt von L1 habe ich knapp 20 Kilo abgenommen und damit weniger gewogen als zuvor in meinem Erwachsenenleben - und zu nähen begonnen. Eine neue Kleidergröße brachte ein neues Körpergefühl mit sich. Drei Dinge, die einen erstaunlichen Wandel bewirkten.

Mittlerweile trage ich ausschließlich Kleider und Röcke. Die Jeans wurde komplett aus dem Schrank verbannt. In meiner Nähgeschichte habe ich es so formuliert:

Ich würde sagen, ich habe einen für mich sehr passenden Stil gefunden. Während früher meine Kleidung stark durch Jeans+Shirts geprägt war, wenig auffallend und eher (vermeintlich) kaschierend, bin ich nun deutlich mutiger. Meine Sachen sind (im Vergleich zu früher) schmeichelnd, weiblich, schick, bunt und lebensfroh. Ich liebe es, mich gut zu kleiden (auch wenn ich nur zur Kita gehe, um meine Kinder abholen).

Anders als bei vielen Frauen ging bei mir die Mutterschaft nicht mit einem Jeans-und-Turnschuh-Look einher - "die Sachen müssen ja praktisch sein für den Spielplatz!" - sondern im Gegenteil: Auch auf dem Spielplatz geht schick!

Nicht zuletzt der Sewalong hat bei mir den Eindruck erweckt, dass nicht wenige Frauen dabei sind, ihren Stil zu verändern, einen neuen Stil zu suchen, SICH zu verändern. Ich kann da aus eigener Erfahrung nur sagen: Traut Euch! Es tut nicht weh. Es macht aber Spaß.

Für meinen Beitrag bat Catherine mich, etwas über diesen Wandel hin zu einem ganz anderen Stil zu schreiben.

Ich glaube, das hat etwas mit Selbstwahrnehmung und Selbstbild und mit (fehlenden) Vorbildern zu tun. Kinder werden heutzutage ja schon sehr stark bestimmten Normen entsprechend bewertet, schon Babys und Kleinkinder "müssen" der Norm entsprechen. Je älter man wird als Kind und Teenager, desto sensibler reagiert man auf diese Normen und Erwartungen von aussen. Wenn man nun nicht gerade der gängigen Schlankheitsnorm entspricht - wie gesagt: schon 8 oder 10jährige werden eingeordnet in "schlank" oder "dick" - ist es eher unwahrscheinlich, dass man einen individuellen, eher auffallenden Kleidungsstil entwickelt. Besser nicht auffallen ist dann eher die Devise. Und wenn man dann noch in der Provinz groß wird, liegt die Schwelle fürs Auffallen recht niedrig :-)

Ich erinnere mich an eine Kollegin, mit der ich vor einer Ewigkeit während meines Studiums in Aachen zusammengearbeitet habe. Diese Kollegin trug ausschließlich Röcke. Sie hatte eine Hose im Schrank. Die anderen Kolleginnen konnten es kaum fassen. Es war so ungewöhnlich und schräg, dass es im Kolleginnenkreis Thema war.

So komisch es klingt: für das Tragen von Röcken und Kleidern braucht es Vorbilder. Insbesondere wenn man nicht Standardmaß oder Größe 36 trägt, ist eine Einheitsuniform, wie die Jeans, allemal eine sichere Bank. Man sticht nicht heraus, macht sich nicht angreifbar, schwimmt im Strom und geht mit der Zeit, ist auf der sicheren Seite. Ich habe lange gedacht, mit meiner Figur kann ich keine taillierten, kurzen Blazer tragen. Rausgekommen ist dann was eher kastiges, was wenig vorteilhaft war.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Rockkauf. Da war ich längst erwachsen, ich bin lange um den Rock herum geschlichen und war auch nach dem Kauf noch lange unsicher, ob ich ihn tragen kann und mag. Kleider habe ich ewig gar nicht getragen. Mir fehlten einfach positive Vorbilder für das Tragen von Kleidern und Röcken. Wenn man mich gefragt hätte, war ich sicher überzeugt davon, dass mir das nicht steht, ich keine Kleider tragen kann, Hosen und eher weiter geschnittene Shirts besser geeignet sind zu kaschieren, als körperbetonte Kleidung. Mir war lange nicht klar: nicht nur zu klein ist unvorteilhaft, auch zu groß sieht doof aus...

Wenn ich also über die Ausgangsfrage nachdenke, würde ich sagen: ich bin schon ein ganzes Stück gegangen auf dem Weg zu meinem Stil. Schmeichelnd, weiblich, schick, bunt - gerne aber auch schwarz! - und lebensfroh: das trifft es schon ganz gut.

Auf der Suche nach Bildern sind mir diese beiden in den Sinn gekommen.

Es gibt wunderbare Bilder von Romy Schneider, sie ist einfach eine wunderschöne Frau, und in natura fast noch schöner als geschminkt.
Wahrscheinlich war Marlene Dietrich niemals ungeschminkt. DIE hatte Stil, das ist mal klar. Sowohl in Hose als auch im Kleid sieht sie phantastisch aus. Groß, stolz, tough. Ok, etwas unnahbar, cool. Aber immer: Eine starke Frau. 

Aber was hat das mit mir zu tun? Ich erinnere mich an Bilder meiner Oma aus den 40er Jahren. Zusammen mit einer Schwägerin sieht man sie auf privaten Feiern, lachend, unterwegs posierend. Dem Zeitgeist entsprechend waren sie gekleidet: elegant, schick, zwei große, attraktive Frauen. Mitten im Leben.

Vielleicht ist das das Bild, das ich mir von mir mache und an dem ich "arbeite". Getreu dem Motto (das immer passt):

Sei stolz und kühn und wunderbar!

Schlaft gut
Melleni

Kommentare:

  1. Hallo *talentfreischön*, der Spruch, den du unter dem Beitrag hast: "Sein stolz und kühn und wunderbar". Irgendwo her kenne ich den und der geht mir schon ewig im Gehirn rum. Leider erinnere ich mich nicht daran, woher! Weißt du, woher der kommt? Habe dabei eine kleine Comichexe im Kopf.

    Danke für eine Antwort!

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  2. Gute Frage...
    Ich kenne das von einer Postkarte, die eine Freundin an ihrem Kühlschrank geheftet hatte. Mag sein, dass da eine Comichexe drauf war, Comic auf jeden Fall.
    Melleni

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