Samstag, 16. Februar 2013

Donnerstag* ist Veggietag #4: Black Beauty-Lasagne


Warum darf Black Beauty nicht in die Lasagne? Diese Frage stellt Jörn Kabisch im aktuellen FreitagEigentlich spricht einiges dafür, Pferdefleisch zu essen: Nach landläufigen Kriterien ist es gesund, offenbar durchaus schmackhaft und – gemeinhin das Todschlagsargument für Ottonormalverbraucher_in – billig. Warum also findet Pferd nicht öfter auf „unsere“ Teller und ist jetzt gar die Rede vom Skandal? Anders gefragt: Gäbe es diesen "Skandal" auch und würde Frau Aigner sich so, äh echauffieren, wenn in der Lasagne, sagen wir: Schwein statt Rind gefunden wäre? 

Kabisch identifiziert einen Black Beauty-Effekt, der in seinen Augen die Ursache für die Aufregung über falsche Deklarationen auf Tiefkühl-Billig-Lasagne ist. Er schreibt: „Es (das Pferd) ist ein Statussymbol, Sportsfreund, Streichelobjekt, Familienmitglied oder gar Kinderersatz. Es ist wie mit Hund und Katze. Die können wir auch nicht essen. Wir sind doch keine Kannibalen.“

Nein, das sind wir wohl nicht – und deshalb haben "wir" (als Gesellschaft) so gar kein Problem damit, Kälbchen und Lämmer Kalb- und Lammfleisch zu essen, während wir bei der Erwähnung von Fohlenfleisch zurückzucken. Wie grausam! Man kann doch keine Pferdebabys essen!

Eine Kollegin, die sich professionell mit gesellschaftlichen Fragen der Ernährung beschäftigt, wurde vor längerer Zeit von einer Zeitung angefragt zum Thema: Essen von Hundefleisch. Sie legte ihre Sichtweise dar, erläuterte, dass Hundefleisch, da nicht giftig, sehr wohl von Menschen gegessen werden könne und dass dies hier lediglich aufgrund hier geltender kultureller Tabus nicht passiert. Klar, objektiv gibt es keinen Grund auf Hundefleisch zu verzichten, aber wer kann sich schon vorstellen Welpenragout zu essen? Die leidlich irritierte Redakteurin fragte sie irgendwann leicht gereizt, ob sie etwas gegen Hunde habe. Im Artikel fehlt nicht der Hinweis, dass Frau Dr. XY selbst keine Hunde hat und nie welche hatte. (Witzigerweise gab es vorgestern tatsächlich eine Anfrage der Blöd-am-S*nntag bei ihr zum aktuellen Thema. Meine Kollegin hat, um diese kommunikative Erfahrung reicher, abgelehnt.)

Meine Lieblingszeitung beackert das Thema in den unterschiedlichen Dimensionen: So kommt ein Kulturwissenschaftler (mit dem unwahrscheinlichen Namen Peter Peter :) zu Wort, der unsere zunehmend paradoxe Art, Fleisch zu konsumieren beschreibt – „Wir wollen Fleisch zwar essen, aber nicht damit konfrontiert werden, dass das mal ein lebendes Tier war. (…) Schwierig wird es schon bei Innereien oder Knochen beim Hühnchen. Deshalb geht der Trend auch ganz klar zu Brust oder Filet.“ Oder Fertiglasagne, möchte man ergänzen, das ist auch eher eine "amorphe Masse".

Im Interview mit dem Kulturwissenschaftler wird behauptet, dass die Deutschen sich über die Falschdeklaration empören – Doch: tun sie das wirklich? Wenn Aigner nun davon spricht, dass Verbraucher einen Anspruch auf "maximale Transparenz" hat und dass er sich "auf Qualität und Kennzeichnung verlassen können" muss - dann fragt man sich, welches Konzept sie denn von "Qualität" hat? Wie definiert sie Qualität? Und welche "Qualität" mag denn jemand ERWARTEN, der 1,99 für eine Fertiglasagne ausgibt? Ich nehme an, im wesentlich: dass man sie warm machen kann und irgendwie satt macht. Anything else?

Im Kommentar bringt die Berliner den eigentlichen Skandal auf den Punkt: Wie kann es sein, dass "ein Tiefkühlgericht als Billigprodukt im Discounterregal landet, dessen Zutaten zuvor einen Weg durch ganz Europa genommen haben? (...) Wer soll diese lückenlosen Kontrollen garantieren, wenn das Produkt in der Lieferkette fünf Stationen in fünf europäischen Ländern durchläuft und schließlich für einen Euro fünfzig verkauft werden soll?"

Was für ein krankes, kaputtsubventioniertes System, deren Opfer Verbraucher wie Tiere gleichermaßen sind.


* Die neue Jobsituation fordert ihren Tribut: Am Donnerstag war ich nicht mehr in der Lage, den Text noch zu schreiben, deshalb kommt heute mit zwei Tagen Verspätung mein Beitrag zur Aktion, die von Frau Siebenhundertsachen angestoßen wurde.

Kommentare:

  1. Ganz meine Meinung! Schöner Post.
    Ich finde es Quatsch, zwischen den Tieren zu unterscheiden. So ein Lämmchen ist doch auch zuckersüß oder ein Ferkel :-)
    Nichtsdestotrotz möchte ich schon wissen, was ich esse und trinke. Letztens hab ich irgendwo gelesen, daß Gelatine in Saft nicht kennzeichnungspflichtig ist. Na vielen Dank auch.
    Liebe Grüße

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    1. Ja, Apfelsaft wird mit Gelatine geklärt - also am besten den naturtrüben trinken!

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  2. Schön geschrieben. Das sind gute Punkte, denn wenn man das Tier selbst erledigen und aufbereiten müsste wäre der Fleischkonsum deutlich geringer.
    Ich sehe es auch so und wettere schon lange gegen solche unsinnigen Produkte wie Fertiggerichte, aber auch Fruchtzwerge oder Müslis, der einzelne Zutaten tausende von Kilometern hinter sich bringen.
    Bei diesen Tiefkühlproduketen äregert mich noch der zusätzliche Energieaufwand für Kühlung.
    Ich bezweifel auch, ob dem Konsumenten dieser Produkte, die Transparenz wichtig ist. Ist es nicht geanuso wie bei Kaufen von Billigklammotten, da will man als Konsument doch auch gar nicht wissen woher und was alles verwendet wurde.
    Ich denke ein sinnvoller Schritt wäre nur eine Entwicklung, die dazu führen würde, dass die Summe der Einzelkomponenten günstiger wäre als das Fertigprodukt, damit sich die eigene Arbeit lohnnt.
    Aber ist das wirtschaftlich,d.h. von unserem Staat gewollt? Denn wenn jeder selber Kuchen bäckt sinkt das Bruttosozialprodukt.
    Oder so...
    Julia

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  3. Ehrlich gesagt lässt mich der Skandal als Fast-nie-Fertiggerichtkäuferin und als eine, die schon mal bewusst Pferdefleisch gegessen hat, auch ziemlich kalt. Was erwarten denn die Leute bei den Preisen, was sie da bekommen? Ich weiß auch nicht, ob es wirklich das kulturelle Tabu ist, was die Leute aufregt, und nicht viel mehr der Gedanke, dass in dem ganzen Fertigfraß ja noch alles mögliche andere drin sein kann, was da nicht reingehört, und was man nur noch nicht entdeckt hat. Aber das wird schnell verdrängt und das kranke System geht so weiter.

    viele Grüße! Lucy

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  4. Wir haben diese Woche -Ironie hoch 3- in der Mensa auch darüber diskutiert. Ich vertrete ja dann immer gern die Meinung, dass wir Deutschen ohnehin eine viel zu geringe Zahlungsbereitschaft für Lebensmittel haben. Daraufhin wurde mir entgegnet, dass ja schliesslich viele Leute sich nicht leisten können teureres Essen zu kaufen. Aber das kann ich eigentlich nicht nachvollziehen. Denn für 1,99 kriegt man Lasagne fur eine Person. Das heisst das Abendessen für eine 4köpfige Familie kostet 8 Euro. Das mag extrem günstig sein für Fertigessen, aber eigentlich ist es nicht besonders günstig für Essen. Dafür könnte man schon deutlich gesündere Sachen selbst kochen. Selbst mit Fleisch... aber ich gebe Julia recht. So genau will man es wahrscheinlich lieber nicht wissen, zumindest sagen das auch alle Kollegen gern, wenn ich sie frage, was sie glauben, wie hochwertig das Fleisch in der Mensa wohl sein kann...

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    1. Das ist ein guter Gedanke, sehr richtig: 1,90 für eine Portion scheint erstmal günstig, aber wenn man das hochrechnet, relativiert sich das ganz schnell wieder. Für 8 € kann man doch recht ordentlich kochen...

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  5. Dein Text ist toll. Da gibt es nichts mehr dazu zu sagen. Doch schlimmer wie der Pferdefleischskandal finde ich das hier http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/ndr/2012/schokolade-106.html

    lg Mathilda

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  6. Heieiei ! Black Beauty sagte mir nichts , und ich bin voller Erwartung auf ein total tolles / schräges Veggie Rezept auf Deine Seite gehüpft ....
    Zu Deinem tollen Artikel : Ja , was erwarten die Menschen eigentlich , die zu immer kleineren Preisen immer mehr Fleisch oder Fertigprodukte kaufen wollen ?Ich begreif es nicht - die Italiener oder Franzosen haben sicher nicht mehr Geld als wir in der Tasche , sind aber definitif was Essen anbelangt eher bereit , dafür auch angemessen zu zahlen
    Und Du hast völlig recht , warum echauffiert man sich bei Pferd , während Kälbchen, Lämmer , Häschen etc.bedenkenlos gegessen werden ...
    Gut finde ich auch Julias Worte - denn ich esse schon auch mal Fleisch - aber man sollte sich bewusst sein , dass das nur einen winzigen Teil der Ernährung ausmachen sollte
    Das Einzige über das man sich aufregen könnte ist die Tatsache , dass man nicht weiss, ob das vielleicht Sportpferde waren , die mit dem Menschen nicht zuträglichen Medikamenten behandelt wurden. Wenn man aber bedenkt , wieviel Antibiotika in dem billigen Schweine - oder Putenfleisch steckt ist das auch schon nicht mehr zum Aufregen
    Ein letzter Gedanke : Essen ist im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendig - warum gehen wir damit so schludrig und gedankenlos um ?
    LG Dodo ( die sich dann das nächste Mal tatsächlich über ein neues Veggie Rezept freut - die Mädchensosse ist schon mehrfach nachgekocht worden ! )

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    1. Oh, das freut mich. Bin grad sehr motiviert, öfter mal neue Rezepte auszuprobieren!

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  7. Seh´ich genau so. Wichtig finde ich auch, dass wir unseren Kids sowas wie Ess/Kochkultur und "verantwortliches Einkaufen" vermitteln. Bei uns essen immer mal FreundeInnen unserer Kinder mit, ein Freund meines Sohnes war neulich ganz verblüfft, dass Pizza auch selbst gemacht werden kann.....
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  8. Ich bin ja schon seit meiner Geburt Vegetarierin, vor allem weil meine Eltern als Bauernkinder bei dem Gedanken Lämmchen und Kälbchen zu essen ganz schlecht wurde. Und deswegen seh ich auch jedes Mal wenn ich Fleisch sehe irgend ein Stück von einem Tier, und da vergeht es mir dann auch wieder. Wenn ich gefragt werde warum ich Vegetarierin bin, sage ich immer, wenn ich es nicht selbst töten kann, will ich es auch nicht essen, und ich denke es gäbe sicher eine Not-Situation in der ich ein Häschen töten könnte, aber einfach so geht das nicht. Die meisten Leute schauen mich dann so komisch an, als ob sie wahrscheinlich auch kein Kälbchen und schon gar kein Black Beauty töten könnten.

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