Sonntag, 11. Mai 2014

Zum Muttertag: Feminismus und Mutterschaft



Frau „glücklichscheitern“ bittet zum Interview und ich nutze gerne die Gelegenheit, heute ihre Fragen zu Feminismus und Mutterschaft zu beantworten. Ich bin mal gespannt, was mir so einfällt :)


Here we are:

Hast Du (eigene, adoptierte, zu pflegende…) Kind(er), möchtest Du welche, hast Du Dich bewusst dafür/dagegen entschieden, welche Voraussetzungen bräuchtest Du um Kinder bekommen zu können/wollen?


Ich habe 2 Töchter, L1 ist 2007 geboren und also 7 Jahre alt, L2 wird demnächst 4. Beide Kinder sind Wunschkinder. Die erste Zeit meines Erwachsenenlebens war für mich nicht ausgemacht, ob ich mal Kinder haben möchte. Ich hätte mir grundsätzlich auch ein kinderloses Leben vorstellen können. Ich hatte nie einen theoretischen Kinderwunsch, erst mit meinem Mann – wir haben uns 1999 zusammengetan – entstand irgendwann die Idee zum „Projekt Kind“.

In meinem Fall war also die Grundvoraussetzung: ein Mann, mit dem ich mir ein Kind vorstellen konnte.


Spielt der leibliche Vater eine Rolle? Oder anders: welche Rolle spielt er (für Dich/für die Kinder)? Teilst Du Dir die Sorgearbeit fürs Kind mit jemandem? Wie? Und wie wäre es Dir am Liebsten?


Mein Mann ist der Vater unserer gemeinsamen Kinder, wir leben zusammen in Berlin. Seit Beginn unseres Familie-Seins teilen wir uns die Sorgearbeit praktisch Fifty-Fifty. Ich bin sehr zufrieden und glücklich mit dieser Aufteilung und kann mir kein grundsätzlich anders Modell für mich vorstellen.


Wenn Du in einer Partnerschaft lebst: Wie teilst Du Dir Lohn- und Sorgearbeit? Gab es dazu “Verhandlungen”? Was waren die Gründe für Eure Arbeitsteilung?


Mein Ideal ist: 60 Stunden Lohnarbeit, aufgeteilt auf 2 Nasen. Im Idealfall also: 30 Stunden jede/r. Seitdem wir Kinder haben, hat sich der Umfang an Lohnarbeit bei uns beiden immer wieder verändern: Ich arbeite schon immer projektbezogen sprich: befristet und oftmals vollzeitnahe Teilzeit, phasenweise 20 Stunden, oft 28, 30 Stunden. Zur Zeit habe ich 2 halbe Stellen an zwei Unis, was schon ziemlich knackig ist. Mein Mann hat in den letzten Jahren ein Studium absolviert und arbeitet gerade lediglich 15 Stunden/Woche. Anstrengend war die Phase in der er 30 Stunden plus X gearbeitet hat. Das ist definitiv nicht unser Modell. Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich wieder etwas weniger arbeite.
Vom Selbstverständnis her gehen wir beide davon aus, dass wir grundsätzlich beide die Familie durchbringen können, keiner ist auf Familienernäher/in oder Zuverdiener/in festgelegt oder versteht sich so.
Als unsere große Tochter zur Welt kam, wurde gerade das Elterngeld eingeführt. Wir haben die Elternzeit in etwa geteilt: die ersten 5, 6 Monate war ich zu Hause, mein Mann hat reduziert gearbeitet, 30 Stunden oder so. Dann bin ich mit 20 Stunden wieder eingestiegen und mein Mann hat für 6 Monate 20 Stunden gearbeitet (oder so, ganz genau weiß ich das nicht mehr). Ich war dann morgens früh im Büro, er hat mir dann oft die Kleine vorbeigebracht und da sie ein sehr entspanntes Kind war konnte ich sogar noch ein bisschen arbeiten, bevor dann Babyzeit angesagt war. Ich hab das als sehr entspannte und harmonische Zeit in Erinnerung, da es ein Modell war, das wir Drei gut fanden. 
Da ich nicht stillte, konnten wir uns von Anfang an die Pflege des Babys teilen, tags wie nachts - ein großer Vorteil, wie ich fand, da so regelmäßig gute Nächte anstanden und keine Fixierung auf eine Person entstand.
 
L1 sollte eigentlich mit 1 Jahr in die Kita gehen. Da unsere Wunsch-Kita erst ein halbes Jahr später einen Platz für sie hatte, haben wir diese Zeit mit einem Babysitter improvisiert. Bei L2 haben wir alles recht ähnlich gemacht, allerdings ist sie bereits mit 1 Jahr für 5, 6 Stunden in die Kita gegangen.

Über das grundsätzliche Modell haben wir nicht verhandelt, es war klar, auch wenn mein Mann durchaus mehr verdiente als ich und hat sich mehr oder weniger automatisch ergeben. Wir haben lange an der konkreten Umsetzung rumgebastelt, ich erinnere mich an Excel-Tabellen mit diversen Wochenplänen :). Das Elterngeld hat das ganze natürlich sehr erleichtert. Ich bin mir aber sicher, dass wir es ähnlich gehandhabt hätten ohne Elterngeld. Da ich in Drittmittelprojekten beschäftigt bin, wäre ein längerer Ausstieg jeweils äußerst ungünstig gewesen. Umgekehrt war mein Mann in einem großen Konzern beschäftigt und das Thema Elternzeit wurde da sehr professionell gehandhabt (auch wenn er einer der wenigen Väter in Elternzeit war…).

 

Was bedeutet für Dich Mutterschaft? Steht diese Bedeutung für Dich in einem Konflikt zu Deinem Feminismus-Verständnis?


Ich bin sehr gerne Mutter. Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein und das Leben zu leben, das zu mir passt und mich zufrieden macht. Meine Kinder sind für mich – neben all der Arbeit und dem Stress, die Kinder mit sich bringen – großes Glück, ganz viel Spaß, Liebe und Leben.
Meinem Verständnis nach geht das Muttersein nicht automatisch mit bestimmten Rollen, Aufgaben und Kompetenzen einher. Ich halte das Muttergen für einen Mythos und bin überzeugt davon, dass Mütter wie Väter grundsätzlich alles rund um Hege und Pflege lernen können (und müssen!) und auch erfüllen können.

Mein Verständnis von Mutterschaft impliziert keinen Sonderstatus der Mutter qua Schwangerschaft und Geburt. Ich bin überzeugt davon, dass der Vorsprung von Müttern, die sie durch die Schwangerschaft erworben haben, hauchdünn ist und von den Vätern recht schnell wieder eingeholt werden kann – wenn frau sie denn lässt und man da überhaupt Bock drauf hat. Ich glaube nicht an eine genetisch bedingte höhere Kompetenz von Müttern, das ist meiner Meinung nach Quatsch. Jeder hat unterschiedliche Kompetenzen, Vorlieben und Abneigungen. Dies impliziert natürlich eine Gleich-Stellung von Mutter und Vater – sprich: deren Gleichrangigkeit. Ich als Mutter genieße keine Exklusivität. 


Ich habe keinen durchbuchstabierten Feminismus-Ansatz und mich nie systematisch mit feministischen Theorien und Ansätzen beschäftigt. Ich würde sagen, dass ich erst mit den Kindern verstärkt angefangen habe, mich mit Feminismus im weitesten Sinne zu befassen, aber eher praktisch-lebensnah und auf Feuilleton-Niveau, denn akademisch. Lediglich mit dem Thema Stillen habe ich mich wissenschaftlich beschäftigt und auch im blog dazu geschrieben.

Ein gewisses Unbehagen gegenüber biologistisch begründeten Rollenzuschreibungen habe ich sicherlich schon früher verspürt. Aber mit der Geburt meiner ersten Tochter reflektierte ich diese zunehmend. Das ist meiner Meinung nach auch nicht wirklich verwunderlich, manifestieren sich doch im Moment der Elternschaft auch in unserer vermeintlich gleichberechtigten Gesellschaft nach wie vor Rollenzuschreibungen und -erwartungen.

Ich erinnere mich an den Krankenhausaufenthalt fünf Tage nach der (ambulanten) Geburt unserer Tochter. Sie sollte wegen Gelbsucht behandelt werden, wir mussten also in dieser heiklen Phase ins Krankenhaus. Yeah! Das war super. Wegen massiver Stillschwierigkeiten hatte ich das Kind bis dahin noch keinmal gewickelt und ich wäre, glaube ich, nicht alleine da geblieben, wenn sie meinen Mann wieder weggeschickt hätten. Er konnte bleiben – und wurde mehrfach höchst merk-würdig angesprochen. Bei der Aufnahme: Das sei aber ungewöhnlich, dass ein Vater sein Neugeborenes trägt und nicht die Mutter. Von der Stations-Schwester: Ach, da sei ja der Vater, der sein Kind wickelt. Von der Ärztin bei der Visite: Er solle aufpassen, dass das Kind nicht vom Wickeltisch fällt – ein fünf Tage alter Säugling KANN praktisch nicht vom Wickeltisch fallen, es sei denn es gibt ein Erdbeben. Ich bin mir sicher: Einer Mutter hätte sie das nie und nimmer gesagt, sie hätte ihr ganz einfach die natürlich Kompetenz zugeschrieben, sich richtig um ihr Kind zu kümmern. Männer müssen das ja erst lernen.

In der ersten Schwangerschaft las ich einen Satz, dem ich schon damals, ohne praktische Erfahrungen, voll und ganz zustimmen konnte: Ein Vater ist ein Vater und kein Mutterassistent. Damit ist aus meiner Sicht eigentlich alles gesagt.


Was braucht es Deiner Meinung nach, um feministische Mutterschaft zu leben? Welche Rahmenbedingungen bräuchtest Du, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, um Deine Vision vom “guten Mutter- und Feministin-Sein” leben zu können? 


Zeit, gute Löhne und Arbeitsbedingungen, engagierte Väter, progressive Arbeitgeber, eine zeitgemäße Familienpolitik, Rollenvorbilder…
Den Ansatz des Projektes „Zukunft mit Kindern?“ fand ich innovativ und total überzeugend: Im Mittelpunkt und als Ziel der Familienpolitik sollte das Wohlbefinden (potentieller) Eltern und ihrer Kinder stehen. Ich halte den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für einen großen Fortschritt – aber er ist nicht das Ende der Fahnenstange. Kinder sind keine reine Privatsache. Und Menschen, die sich Kinder wünschen, sollten in ihrem Wunsch gestärkt und unterstützt werden, und zwar nicht nur monetär. Wir leben definitiv nicht in einem kinderfreundlichen Land. Ich glaube zwar nicht, dass die Politik jedes Problem, das sich mit Kindern auftut, lösen kann. Aber jetzt, da die Infrastruktur zur Kinderbetreuung ausgebaut wird und wohl auch die ideologischen Grabenkämpfe langsam abebben, muss die Frage nach einer neuen Zeitpolitik gestellt werden. Durchaus sehenswert hierzu: Beckmann vom 24.04. .


Was man so hört und liest, ist da wieder einmal Schweden Vorbild, wo angeblich diejenigen Leute, die länger als bis 16 Uhr arbeiten allen anderen suspekt sind und als Karrierist angesehen werden. 32 Stunden sind die neue Vollzeit – wenn Ihr mich fragt: nicht nur für Eltern :)

Für meine persönliche Situation würde ich noch hinzufügen: Bessere Arbeitsbedingungen im Mittelbau in der Wissenschaft – insbesondere langfristige(re) Perspektiven. 


Was bedeutet Dein Feministin-Sein für die Erziehung Deines_r Kind_er? (z.B. Vorbilder suchen, was für Stereotype ans Kind herangetragen werden, Kleider-/Spielzeugwahl)


Für die Erziehung meiner Töchter ist mir u.a. wichtig: Möglichst wenig Geschlechterstereotype reproduzieren und meinen Töchtern ein positives weibliches Selbstbild mitgeben.
Dazu gehört für mich unter anderem, dass ich mich im Beisein meiner Töchter nie über meine Figur beschwere oder auch nur mein Gewicht/Figur thematisiere. Sie sollen nicht mit einer nörgelnden, unzufriedenen, dauerdiätenden Mutter aufwachsen, die sich nicht leiden kann.
Ich vermeide Stereotype a la „das macht ein Mädchen aber nicht“ oder „Jungs sind halt so“. Die Kinder sollen sich möglichst frei und nach ihren Talenten entfalten, ich traue ihnen erstmal „alles“ zu. Meine große Tochter z.B. konnte von Klein an sehr gut klettern und balancieren. Ich wusste, dass sie nur Sachen macht die sie auch wirklich kann und hab sie da nicht eingeschränkt („Vorsicht, gleich fällst Du da runter!“). Heute steigt sie auf die höchsten Bäume und ist mutig und sicher in dem was sie tut.

Bei Kleidung und Spielzeug waren wir eigentlich undogmatisch: Alles kann, nichts muss. Ich verteufele rosa und pink nicht, hab aber die intensive „Gelb ist meine Lieblingsfarbe“-Phase, die meine Tochter mit 2 hatte, mit großer Freude unterstützt. Ich mag selbst schöne Kleidung und hab keine Berührungsängste mit „Mädchenkleidung“. Meine große Tochter trägt ausschließlich Röcke und Kleider, am liebsten solche zum Drehen. 

An Spielzeug haben wir die ganze Bandbreite: Kaufmannsladen, Lego, Holzeisenbahn, jede Menge heiß geliebte Kuscheltiere, Puppen (die nie so ganz intensiv bespielt wurden), Barbie, Parkhaus, Matchboxautos, Topmodell-Heft (gekauft von meinem Mann…), Carrera-Bahn (auch von meinem Mann…) und Bücher, Bücher, Bücher. Banale Klischee-Geschichten finde ich doof, aber es gibt bei uns eine große Bandbreite und nicht nur politisch korrekte und pädagogisch wertvolle Gender-Literatur.

Meine Große findet klassischen „Mädchen-Kram“ toll – Pferde! Kätzchen! Babys! Prinzessinnen! -, liest mit großen Spaß Donald Duck und Co., findet Fußball super und hat sowohl enge Jungs- als auch Mädchen-Freunde. 

Ich finde wichtig, dass die Kinder, sich möglichst „frei“ entfalten können, soweit das eben geht. Dass man sich sein Kind anguckt und es in dem was es kann und gerne macht, unterstützt und auch möglichst breite Interessen weckt, möglichst unabhängig vom Geschlecht.
Das ist aber nicht das gleiche wie eine geschlechtsneutrale Erziehung. Diese sehr konsequenten krassen Ansätze Experimente, seinem Kind einen geschlechtsneutralen Namen zu geben und der Umwelt - inklusive Oma und Opa - nicht zu sagen, welches Geschlecht das Kind hat, sind mir hochgradig suspekt. Fast so wie die La Leche League :)


Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für Dich?


Ich arbeite gerne und habe ein recht ausgeprägtes Unabhängigkeitsbedürfnis, was Finanzen angeht. Ich wollte immer meiner Ausbildung entsprechend tätig sein und hätte mir einen längeren Ausstieg nicht vorstellen können. Ich arbeite um zu leben, das heißt, dass ich natürlich Zeit mit meinen Kindern verbringen und mit ihnen leben möchte. Das ist mit Vollzeit nur sehr, sehr eingeschränkt machbar.
Ich bin erwerbsorientiert – aber nur bedingt karriereorientiert. Die ganzen Vereinbarkeits-Diskussionen gehen ja immer von der gut ausgebildeten Akademikerin mit ausgeprägter Karriereambition aus, die kurz vor der Berufung auf den Vorstandsposten oder die Professur noch schnell ein Kind kriegt. Tja, obwohl sehr gut ausgebildet war das nie mein Lebensmodell. Mir fehlt da vermutlich der Ehrgeiz. Ich würde nicht Professorin werden wollen, egal ob mit oder ohne Kinder.
Ich mache meinen Job, ich bin auch bereit, flexibel zu arbeiten aber ich nehme mir raus, keine klassische Karriere anzustreben und meine Ideale von Leben und Arbeit nicht über den Haufen zu werfen sondern regelmäßig zu reflektieren ob das noch halbwegs im Lot ist. Die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft sind in mancher Hinsicht sehr gut – ich arbeite regelmäßig von zu Hause und insgesamt sehr selbständig – aber alles andere als familienfreundlich. 


Welche Konflikte/Spannungen spürst Du zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Deinem Verständnis von Feminismus und Mutterschaft?


Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren doch einiges getan hat und heute in Westdeutschland nicht mehr die gleichen ideologischen Kämpfe ausgefochten werden, wie noch Mitte der Nullerjahre. Vielleicht bin ich da auch einfach ignorant in meiner schönen Berliner Bubble, aber diese unproduktive „Rabenmutter vs. Heimchen am Herd-Diskussion“ scheint mir doch sehr 2000er zu sein.
Ich persönlich spüre keine allzu großen Spannungen zwischen externen Erwartungen und meinem Verständnis. Das heißt nicht, dass alles ausgehandelt und das Thema vom Tisch ist.

Ich musste mich kaum für mein Lebensmodell rechtfertigen. Das ist mir neulich erst wieder aufgefallen, als mich ein etwa 60ig jähriger Mann erstaunt fragte, ob ich denn mit Kindern und Haushalt nicht ausgelastet sei, dass ich auch noch arbeiten ginge. Ich war ein wenig perplex, da ich mich nicht erinnern konnte, so etwas in letzter Zeit gefragt worden zu sein. Witzigerweise war er allein erziehender Vater einer jetzt 20jährigen Tochter, der – selbstverständlich – immer erwerbstätig war und somit ein Modell lebte, das noch heute ungewöhnlich ist.

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Es ist jetzt 03:03, das Interview hat mir Spaß gemacht. Jetzt bin ich müde und gehe mal schlafen. Morgen darf ich ausschlafen – meine Tochter meinte, das gehöre zum Muttertag dazu :) Für den Nachmittag habe ich für sie und mich Karten für den Cirque du Soleil besorgt, da freue ich mich total drauf!


Einen schönen Muttertag wünsche ich Euch!

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