Montag, 18. März 2013

Steile These?!?

Schon länger schwirrt mir eine These (in Abwandlungen) im Kopf herum, die ich - motiviert durch diesen Post - heute mal zur Diskussion stellen will:

Echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen haben wir erst erreicht, wenn es im Falle einer Trennung erstmal völlig offen ist, wohin die Kinder gehen.

Alternativ:

Echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen haben wir erst erreicht, wenn etwa gleich viele Männer wie Frauen alleinerziehend sind.

Alternativ:

Echte Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen haben wir erst erreicht, wenn sich Männer genauso wie Frauen dafür rechtfertigen müssen, ihre Kinder "im Stich gelassen" zu haben. 

Da ich persönlich ohnehin kaum Elternpaare kenne, die sich getrennt haben ist mir auch keines persönlich bekannt, bei dem die Kinder (dauerhaft und primär) beim Vater leben. Immerhin: Auch wenn diese Väter in der Minderheit sind, gibt es sie. 2011 betrug ihr Anteil an den Alleinerziehenden knapp 10 % bzw. 157.000 (Quelle). 


Rufende Nebelkrähe schildert in ihrem Text recht eindrücklich die Vorurteile und Vorbehalte, denen sie als "gegangene" Mutter ausgesetzt ist. Es sind die Zuschreibungen, die ihr zu schaffen machen: 

"Entweder gut oder böse.
Die einen halten mich für ein Opfer, dass große Qualen auf sich genommen hat, um die Kinder in dem Umfeld aufwachsen zu lassen, wo es ihnen am Besten geht. Sie wollen, dass ich kämpfe, ein Löwenherz habe und leide. Denn so gehört sich das.
Die anderen halten mich schlichtweg für einen schlechten Menschen. Eine Frau, welche ihre Kinder verletzt. Sie fragen nicht nach meiner Geschichte – aber sie malen sich Bilder aus. Gewalttätige, Gefühlskalt Bilder. Und wenn sie einen traurig sehen, dann halten sie das für die gerechte Strafe."

Sie plädiert für eine möglichst vorurteilsfreie Akzeptanz dieses individuellen Lebensweges: "Jeder Mensch, welcher durch welches Schicksal auch immer seine Kinder verlässt, hat seine eigene, individuelle Geschichte."

Und schließlich fragt sie: "Wollen wir emanzipierte Väter und sich selbst definierende Familien, müssen wir auch die Mütter, welche ihre Kinder verlassen, in unserer Mitte akzeptieren."

Ich denke, genau das ist der gesellschaftliche Lackmustest: Können wir akzeptieren, dass Frauen - so, wie Männer dies völlig selbstverständlich vieltausendfach tun - diese Entscheidung fällen, ohne dass wir gruselige Bilder von Rabenmüttern im Kopf haben, die völlig verantwortungslos und voller Egoismus weggegangen sind und ihre Kinder "allein" gelassen haben? Können wir uns vorstellen, dass beide Elternteile zusammen die Entscheidung treffen, dass diese Lösung für alle Beteiligten gut oder unter den gegebenen Umständen zumindest am wenigsten schlimm ist? Können wir uns von einer (biologistisch begründeten) Hierarchisierung lösen, welche der Mutter eine zentrale(re) Rolle und Funktion für ihre Kinder zuschreibt als dem Vater, so wie dies in der Debatte um Mutterschaft und Stillen in letzter Zeit verstärkt mitschwingt?

Ich hoffe inständig, dass ich niemals in eine solche Situation komme. Ich kann mir nicht vorstellen, dauerhaft an einem anderen Ort zu leben als meine Kinder. Und ich bin selbstverständlich auch nicht frei von vorurteilsbehafteten Gedanken und Bildern, die entstehen, wenn man von einer Frau hört, die Mann und Kind(er) "allein" gelassen hat.

Und dennoch (oder gerade deswegen) denke ich, macht es Sinn sich darüber ein paar kritische Gedanken zu machen. Deshalb meine Frage in die Runde: Teilt Ihr meine These(n)? Falls nein: Was sind Eure Argumente dagegen?

Kommentare:

  1. Da ist viel dran. Ich bin in einer Situation, in der wir es halbe-halbe machen (paritätisches Wechselmodell heißt das juristisch), und es ist schwer, dass dem weiteren Umfeld verständlich zu machen. Das direkte findet es total normal (und bewundernswert, dass wir es schaffen). Das weitere aber... der Normalfall ist eben doch Frau kriegt Kinder, Mann ist böse und muss zahlen. Etwas anderes gegenüber Ämtern und Sozialarbeitern verständlich zu machen ist schwer.
    Ich denke, bei halbe-halbe haben wir aber den Vorteil, dass keiner den Vorwurf bekommt, zu wenig zu tun für seine Kinder. Manche suggerieren mir, ich müsse trauriger sein, wenn ich gerade alleine bin.
    Aber zu der Gleichberechtigungssache: Erweitert gesagt heißt es, dass es eben offen sein müsste, wie es die Familie im Trennungsfalle regelt.

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  2. Ich sehe das ganz genauso. Habe beim Frühstück auch schon mit meinem Freund darüber gesprochen. Wir müssen uns vielleicht mal von dem gesellschaftlich geprägten Begriff der Mütterlichkeit verabschieden und sowas wie Elterlichkeit erfinden.
    LG Lotti

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  3. Ich kenne Beispiele, da haben sich die Kinder umentschieden im Lauf der Zeit, je nachdem, ob gerade eine männliche oder weibliche Bezugsperson wichtig war. Manchmal auch wegen praktischer Umstände wie Wohnort und Schulort. Auf jeden Fall war es innerhalb der Familie gleichberechtigt, aber im Umfeld gab es die bekannten Reaktionen: wenn die Mutter nicht um die Kinder kämpft, ist es ihr Makel, beim Vater ist er der unglückliche, der auf seine Kinder verzichten muss.

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  4. Die erste und zweite These finde ich o.k., die dritte impliziert mir zu sehr eine Schuldfrage, daher finde ich das "im Stich lassen" nicht so gut gewählt.
    Ich denke die Entscheidung wird zum größten Teil eine wirtschaftliche sein und daher werden die Kinder meistens zu Mutter kommen.
    Die "Schuldfrage"für die Mutter wird, glaube ich überbewertet, denn den Begriff Rabenvater gibt es auch.
    In meinem weiteren Bekanntenkreis gibt es beides: Kinder beim alleinerziehenden Vater und Kinder bei der alleinerziehenden Mutter.

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  5. Du hast Recht, ich hab jetzt zumindest mal Anführungszeichen gesetzt. Inwiefern eine wirtschaftliche Entscheitung? Du meinst: Der Vater kann sich dann (weiterhin) um seinen Job kümmern und verdient das Geld während die Mutter sich eben (weiterhin) um die Kinder kümmert? Kann sein, dass das ein wesentlicher Aspekt ist. Aber ich denke, der wirtschaftliche Aspekt ist auch schon vorher oftmals vorgeschoben: Mein Mann verdient halt mehr als ich, deshalb mache ich (allein) Elternzeit. Das stimmt ja oft/meist/manchmal auch - aber: eben nicht immer oder allein. Ich denke, da spielen schon ganz häufig noch die alten Mutterbilder eine Rolle. Eine Mutter gehört zum Kind - und umgekehrt. Vielleicht sehe ich das falsch, aber ich glaube schon, dass das "Verlassen" der Kinder ein echtes Tabu ist. Und dass der Begriff Rabenmutter viel stärker aufgeladen ist als Rabenvater. Auch wenn sich da in den letzten 4, 5 Jahren doch merklich was getan hat.

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  6. Vielleicht bin ich zu sehr von den beiden Fällen geprägt, die persönlich als Beispiele kenne.
    Während der Vater, der die Mutter mit den beiden Kindern alleine gelassen hat, ganz klar der Böse ist. Ist bei dem anderen Fall, wo die Kinder beim Vater sind, die Mutter, eine, die sich aus rationalen Gründen dafür entschieden hat, die Kinder beim Vater zu lassen. Wobei es sich im letzteren Fall um zwei Mütter handelt.

    Wirtschaftlich insofern, weil es immer noch gang und gebe ist, dass Frauen weniger verdienen als Männer, selbst wenn sie im selben Job arbeiten, außer beide sind Beamte. Daher ist es leider oft nicht nur vorgeschoben sondern schlichtweg Tatsache (leider,leider und da liegt meiner Meinung nach, auch der Hase im Pfeffer). Finanzieller Abstieg und oft damit einhergehender sozialer, machen vermutlich den meisten Menschen mehr Angst, als die Wahrung traditioneller Werte.


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    1. Ich sehe das genau wie Julia. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: die Art, wie Trennungen verlaufen sind nur Ausdruck dessen, wie die Arbeitsteilung in den Familien vor der Trennung lief.
      Und die ist eben sehr häufig, das wissen wir doch alle: traditionell.
      Klar, arbeiten inzwischen 2/3 der Frauen, aber oft nur Teilzeit, verdienen weniger, machen prozentual mehr Haushalt-u. Erziehungsarbeit, blabla.

      Also kann man natürlich anhand des Verhaltens im Falle einer Trennung ablesen, wie die Rollensystematik in den Familien ist und klar, daran kann ich dann auch die mehr oder weniger fortgeschrittene Gleichberechtigung (oder auch Gleich-Benachteiligung) ablesen.

      Im unserem Bekanntenkreis machen es von den wenigen die getrennt sind, ca. die Hälfte im Wechsel (also gleichzeitig beide). Von älteren kenne ich es versetzt, je nach Altersphase der Kinder.

      Und die letzte These gefällt mir so nicht. Es soll sich eben keiner rechtfertigen müssen!

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  7. Über dieses Thema habe ich schon öfter nachgedacht und würde die ersten drei Thesen, so provokant sie auch klingen, auch unterschreiben.
    Ob das die "alten Mutterbilder" sind, die da eine tragende Rolle spielen? Ich weis es nicht ... ich würde sogar ganz kühn behaupten, dass es sich dabei um ein ganz "neues Mutterschafts-Verständnis" handelt.
    Ich persönlich halte mich nicht für das "bessere" Elternteil. Nicht das Elternteil, das "naturgegeben" das wichtigere für die Kinder ist!
    Christel

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  8. Warum muss denn unbedingt einer die Kinder verlassen? Ich zum Beispiel habe meinen Ex-Freund verlassen, aber doch um Himmels willen nicht mein Kind, genauso wenig wie er unser Kind verlassen hat. Wir haben uns für das Wechselmodell entschieden. Das ist zur Zeit noch mitunter schwierig den Ämtern beizubringen, aber ich fände es das beste, wenn das der Normalfall würde und nicht wie in diesem Blogpost vorgeschlagen, dass die Unsicherheit, wer nun das Kind "im Stich lässt", zum Normalfall wird.

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    1. Hallo Doreen,
      ich versteh leider gar nicht was Du damit meinst, dass ich vorschlage, dass "die Unsicherheit, wer nun das Kind 'im Stich lässt', zum Normalfall wird".
      Ich halte (mangels Erfahrung: in der Theorie) ebenfalls das Wechselmodell für das beste Modell. Denke aber, dass es in der Praxis nicht immer umzusetzen ist bzw. sehr hohe Anforderungen an die Praxis stellt.
      Im Falle eines befreundeten Paares erlebe ich jetzt hautnah, wie schwierig eine Trennung ist. Und es scheint für hochkonfliktäre Paare kein gutes Modell zu sein.
      Aber das ist doch hier gar nicht das Thema.

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  9. These eins: Ja.
    Ansonsten kann ich nur sagen, daß ich im Umfeld sowohl alleinerziehende Mütter wie Väter habe, wo sich der jeweils andere Elternteil abgesetzt hat und beides finde ich erst einmal gleich furchtbar. Es mag Geschichten geben, wo sich gar keine andere Lösung finden läßt, aber ich fürchte, daß ich die Latte da recht hoch lege (auch aufgrund von Langzeiterfahrung in der Familie...). Prinzipiell denke ich eher, daß sich die Eltern weiterhin Freuden und Pflichten teilen sollten und glücklicherweise leben auch die meisten getrennten Familien, die ich kenne, das Wechselmodell.

    Idealer finde ich sogar das Modell, bei dem die Kinder nicht hin- und hergeschoben werden, sondern wohnen bleiben können und die Eltern wechselweise dabei wohnen. Daß das in der Praxis nicht einfach ist, glaube ich sofort. Trotz zahlreicher Patchworkmodelle verschiedenster Art in meinem Umfeld kenne ich kein Paar, daß das schafft (oder überhaupt überlegt hätte...), den Kindern fällt das ständige Umgewöhnen zum Teil aber merklich schwer.
    Wahre Gleichberechtigung schaffen wir erst, wenn wir über alle möglichen Tellerränder zu schauen lernen. Gruß, Bele

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  10. Bele, genau so sehe ich das auch! Das Pendeln zwischen 2 Elternteilen (und damit möglicherweise auch 2 konträren Erziehungsstilen) ist für die meisten Kinder ein enormer Stress und bringt zusätzlich Unruhe in eine Trennungssituation. Warum eigentlich nicht: die Eltern pendeln, das Kind bleibt in der vertrauten Umgebung.

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